Hauptwerke

Übersicht über die Hauptwerke von Richard Wagner, welche regelmäßig bei den Bayreuther Festspielen aufgeführt werden.
Lohengrin
Romantische Oper in drei Akten. Uraufführung 1850 in Weimar.

Ich hab’ es gesehn

 

Eine Passage in Richard Wagners «Lohengrin»

 

 von Werner Hintze

Im zweiten Aufzug von Wagners Lohengrin findet sich eine Passage, die trotz des eigentlich unspektakulären szenischen Vorgangs zu den ungewöhnlichsten und großartigsten der Opernliteratur gehört. Es ist Elsas Gang zur Trauung mit dem namenlosen Ritter, der sie aus höchster Not gerettet hat. Sie hat die eigentlich unerfüllbare Forderung auf sich genommen, ihren Geliebten nie nach seinem Namen zu fragen, weil sie glaubt, dass ein Leben in unumschränktem Vertrauen möglich ist.

Wagner erfüllt in dieser Szene die Konvention der Großen Oper, die ohne pompöse Aufzüge und Märsche nicht denkbar ist, aber er tut dies auf eine ganz und gar originelle Weise: Er komponiert keinen bombastischen Marsch, sondern eine langsame Traummusik mit kaum wahrnehmbarer Bewegung, die sich zu einem gewaltigen, schier endlosen Crescendo-Bogen wölbt. Den Anfang macht ein zarter Choralsatz der Holzbläser, aus dem sich nach kurzer Zeit das Thema von Elsas Liebesglück erhebt und in unwiderstehlicher Anmut in die Höhe schwingt. Irgendwann übernehmen die Violinen das Thema, und dann hat auch schon der Männerchor eingesetzt. Kaum hörbar, im zartesten Pianissimo singen nun dieselben Männer, die sich bisher vor allem mit auftrumpfenden, kriegerischen, kampflustigen Gesängen hervorgetan haben. Sie sind verwandelt, die Welt ist verwandelt durch Elsa, die das Ersehnte und doch für unmöglich Gehaltene wagt: Glaube an die Güte des Lebens, an die Kraft der Liebe. In dieser Hochzeit scheint sich eine tiefe Sehnsucht der Menschheit zu erfüllen, die sich in den Mythen aller Völker aller Zeiten zeigt: Die Liebe eines irdischen und eines göttlichen Wesens, die Verwirklichung des Himmels auf dieser Erde, die kein «Jammertal» mehr ist.

Wagner schrieb für diese zentrale Passage seines Werkes eine Musik, die im wahrsten Sinne des Wortes «himmlisch» ist: Er nimmt die Instrumentationstechnik auf, die sonst der musikalischen Sphäre des Grals vorbehalten ist: Die Instrumente werden so eingesetzt, dass der Klang fortwährend in den leuchtendsten Farben changiert, wobei der Einsatz eines neuen Instruments jeweils durch die anderen verdeckt und vom Hörer erst nachträglich bemerkt wird, so dass der Farbwechsel unmerklich, wie ein Wunder, eintritt. Diese Technik hat Wagner im Vorspiel zum ersten Akt mit größter Virtuosität auf das Orchester angewandt, hier werden nun auch noch die Stimmen der ergriffenen Menschen einbezogen: Die Himmelsmusik wird zur irdischen, die irdische zur himmlischen. Es ist ein äußerlich statisches aber innerlich höchst bewegtes Gebilde, das Wagner hier komponiert, ein Augenblick, der sich zur Ewigkeit dehnt, zur Ewigkeit des vollkommenen, ungetrübten Glücks. Mehr und mehr erweitert sich der Klang in die Höhe und in die Tiefe bis das ganze Universum zu tönen scheint im Klang der Liebe und der Hoffnung. Doch es ist nur ein Moment: Ortrud zerstört die Harmonie und legt die Saat des Misstrauens, die zur finalen Katastrophe führen wird. Elsa wird ihr Gelübde brechen und Lohengrin nach seinem Namen fragen und er wird sie verlassen müssen.

Doch auch wenn Wagner Lohengrin und Elsa scheitern lässt, entlarvt er diese große Hoffnung nicht als Illusion, wärmt er nicht noch einmal den Gemeinplatz auf, dass alle Utopien zum Scheitern verurteilt sind. Das große Gewicht, das diesem ewigen Augenblick durch die Komposition verliehen wird, bewirkt, dass er nicht in Vergessenheit geraten kann. Sein Licht leuchtet noch in der Finsternis des Endes und bleibt als Verheißung eines besseren Zustandes, der einmal gewesen ist und wieder sein muss. In diesem Leuchten sind Wagners revolutionäre Hoffnungen aufgehoben, sein Glaube an die Möglichkeit einer Befreiung (er hat es Erlösung genannt) der Menschheit, um dessentwillen er in Dresden auf die Barrikaden gegangen ist. Und jene, die dieses Erlebnis geteilt haben, die Menschen der Handlung ebenso wie die Zuschauer im Saal, können mit Hölderlins Hyperion sagen: «Ich hab’ es Einmal gesehn, das Einzige, das meine Seele suchte, und die Vollendung, die wir über die Sterne hinauf entfernen, die wir hinausschieben bis an’s Ende der Zeit, die hab’ ich gegenwärtig gefühlt. Es war da, das Höchste, in diesem Kreise der Menschennatur und der Dinge, war es da! Es war in der Welt, es kann wiederkehren in ihr; ich hab’ es gesehn, ich hab’ es kennen gelernt.»

Der Text ist urheberrechtlich geschützt, alle Recht beim Autor des Textes, Werner Hintze.

Handlung

Vorspiel und Erster Aufzug
Das Vorspiel stellt die Aura des Grals dar. Die Musik beginnt mit leisen, hohen, sphärischen Streicherklängen, schwillt bis zu einem mächtigen Höhepunkt an und verschwindet wieder in sphärischem pianissimo. Friedrich Nietzsche schrieb, diese Musik sei „blau, von opiatischer, narkotischer Wirkung“.
 
Zu Beginn des ersten Aufzugs sitzt Heinrich der Vogler auf einer Aue am Ufer der Schelde unter einer Gerichtseiche, um Heerschau und Gerichtstag im Fürstentum Brabant zu halten. Er teilt seine Absicht mit, für einen Krieg gegen die Ungarn ein Heer zu sammeln, an dem sich auch Brabant mit Soldaten beteiligen soll.
 
„Ob Ost, ob West, das gelte allen gleich.
Was deutsches Land ist, stelle Kampfesscharen.
Dann schmäht wohl niemand mehr das deutsche Reich.“
 
Außerdem habe er erfahren, dass ein Streit um die Erbfolge im Herrscherhaus entbrannt sei. Er ruft daher Friedrich von Telramund zur Aussage vor Gericht. Dieser ist der Erzieher Elsas und Gottfrieds, der Kinder des verstorbenen Herzogs von Brabant. Telramund sagt aus, Gottfried sei auf einem Spaziergang mit seiner Schwester im Wald verschwunden. Er klage sie daher des Brudermordes an, obwohl sie ihm eigentlich als Braut versprochen war. Er selbst habe Ortrud, die letzte Nachfahrin des Friesenfürsten Radbod, geheiratet. Daher beanspruche er zusätzlich die Fürstenwürde von Brabant:
 
„Dies Land doch sprech’ ich für mich an mit Recht,
da ich der Nächste von des Herzogs Blut.
Mein Weib dazu aus dem Geschlecht,
das einst auch diesen Landen seine Fürsten gab.“
 
Vom König zur Tat befragt, sagt Elsa nur „Mein armer Bruder“. Sie erklärt, dass ihr im Traum ein Ritter erschienen sei, der sie schützen und verteidigen werde (Elsas Traumerzählung: „Einsam in trüben Tagen“).
 
König Heinrich ordnet einen Gerichtskampf als Gottesurteil an, im Grunde eine Farce, weil sich die anwesenden Ritter weigern, gegen Telramund zu kämpfen („Wir streiten nur für dich“). Auf die Frage, wer sie im Kampf vertreten soll, sagt Elsa, ihr werde der gottgesandte Streiter zur Seite stehen, den sie im Traum gesehen habe.

Auf den königlichen Aufruf der Streiter meldet sich zunächst kein Kämpfer für Elsa. Erst als sie selbst betet, erscheint ein Boot, das von einem Schwan gezogen wird. Darauf steht ein fremder Ritter in heller Rüstung. Dieser will nicht nur für Elsa streiten, sondern hält zugleich um ihre Hand an. Beides ist jedoch mit einer Bedingung verknüpft:

„Nie sollst du mich befragen,
noch Wissens Sorge tragen,
woher ich kam der Fahrt,
noch wie mein Nam’ und Art.“
 
Den Versammelten verkündet der Ritter, dass Elsa von Brabant schuldlos sei. Es kommt zum Zweikampf, in dem der Unbekannte den Grafen von Telramund besiegt. Der Fremde verzichtet darauf, Telramund zu töten („Durch Gottes Sieg ist jetzt dein Leben mein – ich schenk’ es dir, mögst du der Reu’ es weih’n“). Unter allgemeinem Jubel sinkt Elsa ihrem Retter in die Arme.

Zweiter Aufzug
Es dämmert der Tag nach dem Zweikampf. Vor dem Palast beklagt Graf Friedrich von Telramund den Verlust seiner Ehre und bezichtigt seine Gattin, ihn zur Falschaussage gegen Elsa verführt zu haben. Ortrud zeiht ihn der Feigheit gegenüber dem fremden Ritter, in dem sie keineswegs einen von Gott gesandten Helden erblickt, sondern ein Wesen, „das durch Zauber stark“. Den widerstrebenden Telramund („Du wilde Seherin, wie willst du doch geheimnisvoll den Geist mir neu berücken“) überzeugt Ortrud davon, dass ihm Unrecht getan wurde und der Fremde den Zweikampf nur mit Hilfe eines Zaubers habe gewinnen können. Die beiden beschließen, Elsa zu verleiten, ihrem Helden die verbotene Frage nach „Nam’ und Art“ zu stellen. Für den Fall, dass dies missglücke, rät Ortrud zur Anwendung von Gewalt gegenüber dem fremden Helden („Jed’ Wesen, das durch Zauber stark, wird ihm des Leibes kleinstes Glied entrissen nur, muss sich alsbald ohnmächtig zeigen, wie es ist!“).

Kurz darauf erblicken sie Elsa auf dem Balkon ihrer Kemenate. Telramund zieht sich auf Drängen seiner Gattin zurück. Ortrud gibt sich scheinbar reuevoll gegenüber Elsa, die kurz vor ihrer Hochzeit steht, und schafft es, Elsas Mitleid zu erregen und in den Palast eingelassen zu werden. Triumphierend ruft sie die „entweihten Götter“ Wodan und Freia um ihren Beistand an. Arglos ist Elsa nur zu gern bereit, allen und auch Ortrud zu verzeihen. In einem vertraulichen Gespräch vor der Pforte deutet Ortrud an, es könne ein dunkles Geschick sein, aus dem heraus der Fremde gezwungen sei, seinen Namen zu verbergen. Elsa weist allen Zweifel von sich und nimmt Ortrud zu sich in den Palast.

Ein musikalisches Zwischenspiel leitet über zum Tagesanbruch. Von den Türmen ertönen Trompetensignale. Der Heerrufer des Königs ruft die Brabanter zusammen und verkündet, dass Telramund, wie es die Gesetze erfordern, „weil untreu er den Gotteskampf gewagt“, in Acht und Bann gefallen sei. Der „fremde, gottgesandte Mann“ aber soll mit dem Herzogtum Brabant belehnt werden: „Doch will der Held nicht Herzog sein genannt; ihr sollt ihn heißen ‚Schützer von Brabant‘ “. Der Heerrufer kündigt an, dass der Fremde sich noch am selben Tage mit Elsa vermählen werde, um am nächsten Tag die Brabanter anzuführen und König Heinrich auf dem Kriegszug zu folgen.

Am Rande der Szene äußern vier brabantische Edle ihren Missmut über die Beteiligung an Heinrichs Feldzug gegen eine weit entfernte Bedrohung. Telramund taucht auf und teilt mit, dass er den Fremden am Feldzug hindern könne und dass dieser das Gottesgericht durch einen Zauber verfälscht habe. Die vier Edlen ziehen Telramund in die Kirche.

Aus der Burg bewegt sich der Brautzug mit Elsa auf das Münster zu. Er hat gerade die Stufen vor dem Portal erreicht, da vertritt Ortrud Elsa den Weg und verlangt den Vortritt für sich mit der Begründung, dass sie einem geachteten Geschlecht entstamme, während Elsa noch nicht einmal in der Lage sei, den Namen ihres Gatten zu nennen. Elsa weist sie unter Hinweis auf die Reichsacht, der ihr Gatte verfallen sei, zurück. König Heinrich erscheint mit dem Fremden, und Ortrud muss vor diesem zurückweichen.

Der Hochzeitszug ordnet sich erneut; da erscheint der geächtete Telramund und klagt den Fremden des Zaubers an, aber die Klage wird abgewiesen. Der Geächtete redet auf Elsa ein, die verbotene Frage zu stellen, doch Elsa ringt sich zu einem erneuten Vertrauensbeweis gegenüber ihrem Helden durch. Der Hochzeitszug zieht mit dem Fremden und der verunsicherten Elsa ins Münster ein.

Dritter Aufzug
Das frischvermählte Paar zieht unter Gesang in das Brautgemach ein (Brautmarsch „Treulich geführt“). Es kommt zum ersten vertraulichen Gespräch der beiden. Elsa sagt, dass sie auch dann zum unbekannten Gatten halten würde, wenn Ortruds Verdacht zuträfe. Dieser möchte sie beruhigen und weist auf seine hohe Herkunft hin, die er für sie aufgab („Das einz’ge, was mein Opfer lohne, muss ich in Deiner Lieb’ ersehn“ und „aus Glanz und Wonne komm’ ich her“), was Elsa erst recht befürchten lässt, ihm nicht zu genügen und ihn eines Tages zu verlieren. Und so fragt sie den Ritter nach seinem Namen. In diesem Moment dringt Telramund in das Gemach ein. Es kommt zu einem Kampf, in dessen Verlauf Telramund vom Fremden erschlagen wird.

In der letzten Szene ist das Volk versammelt, um das versammelte Heer und König Heinrich zu verabschieden. Die vier Edlen bringen den Leichnam Telramunds vor den König. Der Fremde klagt Telramund des Hinterhaltes und Elsa der Untreue an. Sie habe ihm die verbotene Frage nach seinem Namen und seiner Herkunft gestellt, und er müsse sie nun beantworten. Er könne daher weder als Gatte noch als Heerführer in Brabant bleiben. Dann schildert er seine Herkunft (Gralserzählung: „In fernem Land, unnahbar euren Schritten liegt eine Burg, die Monsalvat genannt.“) Er erzählt vom Gralspalast Montsalvat und der göttlichen Kraft, die den Hütern des Grals gegeben werde, solange sie unerkannt für das Recht kämpften. Wenn sie aber erkannt würden, müssten sie die von ihnen Beschützten verlassen. Er selbst sei der Sohn des Gralskönigs Parzival, und sein Name sei Lohengrin:

In fernem Land, unnahbar euren Schritten,
liegt eine Burg, die Monsalvat genannt;
ein lichter Tempel stehet dort inmitten,
so kostbar als auf Erden nichts bekannt;

drin ein Gefäß von wundertät’gem Segen
wird dort als höchstes Heiligtum bewacht.
Es ward, dass sein der Menschen reinste pflegen,
herab von einer Engelschar gebracht.

Alljährlich naht vom Himmel eine Taube,
um neu zu stärken seine Wunderkraft:
Es heißt der Gral, und selig reinster Glaube
erteilt durch ihn sich seiner Ritterschaft.

Wer nun dem Gral zu dienen ist erkoren,
den rüstet er mit überirdischer Macht;
an dem ist jedes Bösen Trug verloren,
wenn ihn er sieht, weicht dem des Todes Nacht;

selbst wer von ihm in ferne Land entsendet,
zum Streiter für der Tugend Recht ernannt,
dem wird nicht seine heil’ge Kraft entwendet,
bleibt als sein Ritter dort er unerkannt.

So hehrer Art doch ist des Grales Segen,
enthüllt muss er des Laien Auge fliehn;
des Ritters drum sollt Zweifel ihr nicht hegen,
erkennt ihr ihn – dann muss er von euch ziehn.

Nun hört, wie ich verbot’ner Frage lohne:
Vom Gral ward ich zu euch daher gesandt:
Mein Vater Parzival trägt seine Krone,
Sein Ritter ich – bin Lohengrin genannt.
 
Der König werde aber auch ohne ihn die Ungarn besiegen.

„Doch, großer König, lass mich Dir weissagen: Dir Reinem ist ein großer Sieg verliehn.“

An Elsa gewandt berichtet Lohengrin weiter, dass es nur eines Jahrs bedurft hätte, und Gottfried wäre nach Brabant zurückgekehrt.

Trotz Elsas Flehen und des Königs Drängen kann Lohengrin nicht bleiben. Der Schwan mit dem Boot kehrt zurück und nimmt Lohengrin mit sich. In schrecklichem Triumph ruft Ortrud aus, sie habe den Schwan wohl als den verschwundenen Gottfried erkannt, den sie selbst verzaubert habe.

„Am Kettlein, das ich um ihn wand, ersah ich wohl, wer jener Schwan: es ist der Erbe von Brabant!“

Auf Lohengrins Gebet wird Gottfried bereits jetzt, noch vor Ablauf der Jahresfrist, erlöst. Der Kahn, in dem Lohengrin unendlich traurig (Regieanweisung) scheidet, entfernt sich. Ortrud sinkt mit einem Schrei tot zu Boden, Elsa stirbt an psychischer Erschöpfung, das Volk (Chor) gibt sein Entsetzen „Weh! Ach!“ kund.