Hauptwerke

Übersicht über die Hauptwerke von Richard Wagner, welche regelmäßig bei den Bayreuther Festspielen aufgeführt werden.
Tristan und Isolde
Handlung in drei Aufzügen. Uraufführung 1865 in München.

Der Irrtum vom Tod Tristan und Isoldes

von Matthias Lachenmann

Es ist ein Irrtum zu denken, Tristan und Isolde würden am Ende der Oper sterben. Denn es wäre bereits ein Irrtum, die Existenz der beiden Protagonisten zu bejahen. Wenn man den Grund für diese Aussage erkannt hat, ist die Interpretation von Richard Wagners „Handlung“ Tristan und Isolde fast schon simpel (trotz der verschiedensten Interpretationsansätze unter Wagnerianern, Forschern und Opernkritikern). Neben der wunderbaren, orgiastischen, Musik, die die Türe zur Zwölftonmusik öffnete, dürfte die Vielfalt möglicher Interpretationen einen maßgeblichen Teil des Reizes der Oper ausmachen.

Die äußere Handlung könnte schnell erzählt sein: Isolde soll – auf Betreiben von Tristan, der die Königstochter aus Irland entführt – mit König Marke in Cornwall verheiratet werden. Das Paar entdeckt jedoch ihre Liebe, wird beim Betrug des Königs durch ihn entdeckt, Tristan verwundet. Zum Schluss vergibt König Marke dem Paar, jedoch stirbt Tristan an seiner selbst zugefügten Wunde, Isolde sinkt „wie verklärt“ über seiner Leiche zu Boden. Also ein tragisches Ende, da das Paar nicht zueinander findet?

Mitnichten. Der Text von Isoldes Verklärung ist eindeutig: Tristan lebt. Er öffnet hold das Auge, das Herz im Busen schwillt ihm mutig, den Lippen entweht süßer Atem. Und dennoch denken Marke, Brangäne, das Volk und die Zuschauer, das Paar stürbe. Wie passt das zusammen?

Die Lösung für das Rätsel um die Oper findet sich im „Liebesduett“ des zweiten Aufzuges. Das Gespräch führt für das Paar zu der Erkenntnis, dass die Existenz des Einzelnen in der Gesellschaft von Schein und Trug geprägt ist. Der Einzelne wird nur durch äußere Zuschreibungen (wie Ruhm, Ehre, Schmach) definiert, das Innere des Menschen wird ignoriert – muss freilich ignoriert werden, da Objektivität unmöglich ist. Da jedes Lebewesen Raum, Zeit und Kausalität unterworfen ist, ist es ihm unmöglich, „das Wesen“ bzw. „den Kern“ eines wahrgenommenen Objekts wahrzunehmen.

Tristan und Isolde definieren also im Liebesduett das Wort „Tod“ um: In Ihrem „Ohne Nennen, ohne Trennen, neu Erkennen, neu Entbrennen/endlos ewig, ein-bewusst“ wird es klar: Zeit, Raum und Kausalität sind aufgehoben. So wie es ein individuelles Lebewesen nicht gibt, kann es keinen Tod geben. Deutlich wird dies freilich nur für Tristan und Isolde, nicht für die Außenstehenden, die dem Irrtum der Individuation selbst unterliegen, wenn Sie Tristan und Isolde „sterben“ sehen.

So wird klar: Der Schluss von „Tristan und Isolde“ könnte nicht positiver oder glücklicher sein: Der Irrtum der Individuation des Einzelnen ist beseitigt und das Eins-Sein mit des Weltatems wehenden Alls ist erkannt und vollzogen. Das Leiden des Lebens unter dem Irrtum der Individuation ist für Tristan und Isolde beendet.

Der Text ist urheberrechtlich geschützt, alle Rechte beim Autor des Textes, Dr. Matthias Lachenmann