Hauptwerke

Übersicht über die Hauptwerke von Richard Wagner, welche regelmäßig bei den Bayreuther Festspielen aufgeführt werden.
Parsifal
Bühnenweihfestspiel. Uraufführung 1878 in Bayreuth.

Zum letzten Mal

Einige Takte in Richard Wagners «Parsifal»

von Werner Hintze 

Manchmal ist es ein einziger Ton, in dem sich ein ganzes Werkes zu konzentrieren scheint. Wer Thomas Manns Doktor Faustus gelesen hat, wird sich an die Vorträge des ebenso skurrilen wie genialischen Wendell Kretzschmar erinnern, der eine Stunde lang über die Frage zu sprechen vermochte, warum Beethoven zu seiner Sonate op. 111 keinen dritten Satz geschrieben hat. Unvergesslich, wie dort die letzte Wandlung des Arietta-Themas durch ein eingeschobenes Cis geschildert wird, mit dem in Thomas Manns Interpretation das Werk den Blick ins Transzendente eröffnet und damit zu einem Abschluss kommt, der ins Unendliche führt.

Seltsamerweise ist es im dritten Akt des Parsifal ebenfalls ein Cis, in dem der Gehalt des Stücks zusammengefasst ist: Parsifal kehrt nach langen, qualvollen Irrfahrten in das Gebiet des Grals zurück. Er hat den Ort erreicht, an dem er seine Aufgabe erfüllen, den Orden der Gralsritter vom Siechtum befreien und die Königswürde auf sich nehmen wird. Am Ende seiner Fahrt angekommen, legt er Schild, Schwert und Helm ab, die er nicht mehr benötigen wird, und die man im Gralsgebiet auch nicht tragen darf, wie ihn der aufbrausende Gurnemanz hat wissen lassen.

Diesen Vorgang komponiert Wagner auf eine außergewöhnliche, geradezu wagemutige Weise: Über sieben sehr langsam zu spielende Takte halten die Streicher ein Cis aus, das nach und nach immer leiser wird, bis es fast in die Unhörbarkeit verschwindet. Einige Paukenschläge im Rhythmus eines Trauermarschs, Parsifals Motiv im düsteren Klang der Blechbläser, einige Pizzicato-Töne der tiefen Streicher hallen durch die Stille, dann scheint die Musik ganz zu ersterben. Im letzten Moment erst kommt mit dem mühsam sich aufrichtenden Motiv des heiligen Speers wieder etwas Bewegung in die Musik: Parsifal erhebt den Blick betend, um Beistand flehend zur Spitze des Speers.

Wie Wagner hier das musikalische Geschehen bis zum Äußersten reduziert und die Musik an die Grenze ihrer Existenz führt, ist charakteristisch für die Kompromisslosigkeit seiner letzten Komposition. Dass er gerade diese Stelle musikalisch derartig radikal gestaltet, hat freilich einen klar definierten Sinn: In dem fahlen Licht, das die sterbende Musik über die Szene und das ganze Werk wirft, erkennt der Zuhörer, was hier geschieht: Es ist die Musik zu Parsifals Tod. Indem er die Bürde des Gralskönigtums übernimmt, opfert er alles auf, was er war, sein Leben, seine Liebe, seine Hoffnungen, dies alles legt er nun ab, nicht nur die Waffen, die er nicht mehr benötigt. Der schier endlos ausgehaltene Ton ist ein ins Endlose gedehnter Augenblick vor dem letzten, Entschluss, der tödlich und doch unausweichlich ist. Und auf eine wundersame Weise verbindet er sich mit jenem anderen Cis in dem Thomas Mann «ein schmerzlich liebevolles Steichen über das Haar, über die Wangen, einen stillen, tiefen Blick ins Auge zum letzten Mal« gehört hat.

Wen diese Stelle einmal bis ins Mark getroffen hat, der wird nicht mehr fragen, was mit dem scheinbar so enigmatischen «Erlösung dem Erlöser!» gemeint ist: Es ist die flehentliche Bitte um Erlösung für den, der alles hingeben musste, um den fast verglimmenden Funken der Hoffnung auf eine Zukunft am Leben zu erhalten.

Der Text ist urheberrechtlich geschützt, alle Recht beim Autor des Textes, Werner Hintze.

Handlung

1. Aufzug, Waldlichtung und Gralsburg
Auf einer Waldlichtung nahe der Gralsburg weckt Ritter Gurnemanz einige Knappen. Er fordert sie auf, zu beten und das Morgenbad des an einer nicht heilenden Wunde leidenden jungen Gralskönigs Amfortas vorzubereiten. Kundry, die geheimnisvoll wilde Helferin der Gralsritter, kommt eilig herbeigeritten. Mit letzter Kraft überreicht sie Balsam für den König. Doch halb verzweifelt, halb spöttisch bemerkt sie, er werde wohl genauso wenig helfen wie das Heilkraut, das Ritter Gawan bereits gebracht hat. Kundry wird von den Knappen als „Heidin“ und „Zauberweib“ verhöhnt. Nur Gurnemanz nimmt sie in Schutz, als die Knappen spottend fordern, Kundry solle doch losziehen, um die verloren gegangene heilige Lanze zurückzuholen. Jetzt erzählt Gurnemanz, dass nach einer Prophezeiung nur ein „durch Mitleid wissender“ reiner Tor den Speer zurückgewinnen und Amfortas damit heilen könne. Denn die Wunde schließe nur derjenige Speer, der sie auch geschlagen habe.

Die Szene wird durch Lärm vom nahen See gestört. Die Ritter haben einen Knaben gefangen, der mit Pfeil und Bogen einen heiligen Schwan getötet hat. Es ist Parsifal, der Sohn der Herzeleide und des vor seiner Geburt im Kampf gefallenen Ritters Gamuret. Der Knabe wuchs unter alleiniger Obhut seiner Mutter im Wald ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt auf. Er selbst kennt weder seinen Namen, noch weiß er, woher er kommt und wer sein Vater ist. Doch Kundry kennt seine Geschichte und erzählt vom Tod seiner Mutter. Gurnemanz hofft, in ihm den in der Vision des Amfortas angekündigten „reinen Toren“ gefunden zu haben, und nimmt ihn mit zur Gralsburg, während Kundry in einen hypnotischen Schlaf fällt.

In der Gralsburg wird Parsifal stummer Zeuge, wie sich die Ritter mit Amfortas um dessen im Grab lebenden Vater Titurel zur Enthüllung des Grals versammeln. Amfortas beklagt seine Schmerzen, die der Anblick des Grals nur kurz lindern kann. Titurel und die Ritter fordern ihn auf, den Gral zu enthüllen. Der Kelch mit dem Blut Christi leuchtet in einem magischen Lichtschein. Die Ritter nehmen daraufhin das Mahl, Brot und Wein, und verlassen danach gestärkt den Tempel. Parsifal ist nicht fähig, zu all dem, was er sah, etwas zu sagen, und wird von Gurnemanz, der glaubt, sich in ihm getäuscht zu haben, vor die Tür gesetzt. Jedoch: eine Stimme aus der Höhe wiederholt mit den letzten Klängen der Gralsglocken die Worte der Prophezeiung: „Durch Mitleid wissend, der reine Tor“.

2. Aufzug, Klingsors Zaubergarten
Der zweite Akt führt in eine andere, fantastische Welt. Klingsor, der nicht in die Gralsritterschaft aufgenommen worden war, weil er sich selbst entmannt hatte, um seiner Begierde Herr zu werden, hasst seitdem die Ritter und hat den Zaubergarten zu deren Vernichtung geschaffen. Er beobachtet jetzt in seinem Zauberspiegel Parsifal, der sich seiner Burg und dem Zaubergarten nähert. Mit Kundry als Werkzeug will Klingsor dem Toren die Unschuld rauben, so wie vielen Gralsrittern zuvor. Jetzt wird die Rolle der Kundry aufgedeckt: weil sie Jesus Christus auf seinem Wege zur Kreuzigung ausgelacht hat, sucht sie ihn nun – „von Welt zu Welt“ – in immer neuen Wiedergeburten, um endlich Erlösung von ihrer Schuld zu finden. Voller Todessehnsucht dient sie seither den Gralsrittern freiwillig büßend als Helferin, aber es gelingt Klingsor immer wieder, sie in seinen Bann zu ziehen und als willenloses, schönes Werkzeug der Verlockung zu missbrauchen. Sie war es auch, die in verführerischer Gestalt Amfortas verführt hatte, wodurch es Klingsor gelungen war, diesem den als Waffe mitgeführten heiligen Speer zu entreißen und ihm die nicht heilende Wunde zuzufügen. Nunmehr soll Kundry Parsifal betören und somit vernichten. Erlösung kann sie nur erlangen, wenn ein Mann ihrer Verführung widersteht. So fügt sie sich nur widerstrebend dem Befehl Klingsors, Parsifal zu bezwingen, muss sich aber seiner Macht beugen.

Als Parsifal den unschuldigen Verlockungen der Blumenmädchen in Klingsors Zaubergarten entfliehen will, ruft Kundry ihn bei seinem Namen. Gebannt lauscht der Knabe ihrer Erzählung vom traurigen Schicksal seiner Eltern. Parsifal ist zutiefst erschüttert. Tröstend, aber mit der Absicht, ihn in die Liebe einzuführen, schließt sie ihn in ihre Arme. Doch während eines langen Kusses erkennt Parsifal blitzartig die Ursache von Amfortas′ Qualen und seine eigene Bestimmung; er wird „welthellsichtig“. Er stößt Kundry zurück und verspricht ihr dafür Erlösung. Ihr Ausbruch von rasendem Lachen und Schreien ruft Klingsor herbei, der nun den heiligen Speer gegen Parsifal schleudert. Doch der Speer bleibt über Parsifals Haupte schweben. Er ergreift ihn und schlägt mit ihm das Kreuzeszeichen, woraufhin Klingsor und mit ihm der gesamte Zaubergarten der Zerstörung anheimfallen. Kundry blickt im Zusammensinken auf Parsifal, der ihr im Enteilen noch zuruft: „Du weißt, wo du mich wiederfinden kannst!“

3. Aufzug, Waldlichtung und Gralsburg
Das Orchestervorspiel beschreibt die Irrfahrten Parsifals, der zur Gralsburg zurückzufinden sucht.

Viele Jahre sind vergangen. Gurnemanz lebt nunmehr als Einsiedler im Wald und findet nun Kundry in tiefer Ohnmacht im Gestrüpp. Von ihm erweckt erscheint sie völlig gewandelt: sanft, hilfsbereit und schweigsam. Da erscheint ein Ritter in schwarzer Rüstung. Gurnemanz heißt ihn, mit dem Hinweise auf den heiligen Karfreitag, seine Waffen abzulegen. Nachdem der Ritter seine Waffen und die Rüstung abgelegt hat, erkennt Gurnemanz hocherfreut, dass er Parsifal mit dem heiligen Speer vor sich hat, der zur Gralsburg zurückgefunden hat. Er begrüßt ihn und erzählt vom Zerfall der Gralsgesellschaft: Amfortas hat, um endlich seinen eigenen erlösenden Tod zu erzwingen, die lebensenergiespendende Zeremonie der Gralsenthüllung nicht mehr vollzogen. Sein Vater Titurel ist dadurch bereits gestorben, und nur zu dessen Totenfeier will Amfortas an diesem Tag noch ein letztes Mal den Gral enthüllen.

Parsifal bricht daraufhin in verzweifelten Selbstanklagen zusammen, doch Gurnemanz segnet ihn und salbt ihn zum neuen Gralskönig. Als sein „erstes Amt“ spendet er der heftig weinenden Kundry die Taufe. Staunend nehmen Parsifal und Gurnemanz die in der Vormittagssonne erstrahlende, miterlöste idyllische Natur wahr. Als gegen Mittag das Glockengeläut von der Gralsburg her ertönt, machen sich alle drei auf den Weg dorthin. Im Tempel hat sich die Gralsritterschaft, den Leichnam Titurels begleitend, versammelt. Amfortas klagt um seinen toten Vater, der durch seine Schuld, weil er den lebensspendenden Gral – zur Beschleunigung seines eigenen Ablebens – nicht mehr enthüllt habe, gestorben sei. Er verweigert erneut die eigentlich vorgesehene Gralsenthüllung und erfleht verzweifelt seine Erlösung von den Qualen seiner unheilbaren Verwundung: die Ritter mögen ihn töten, von selbst dann werde ihnen wohl der Gral leuchten. Da erscheint der von Gurnemanz und Kundry begleitete Parsifal und schließt endlich mit dem heiligen Speere jene Wunde, die Amfortas einst von Klingsor zugefügt worden war.

Als neuer Gralskönig enthüllt Parsifal endlich wieder den Gral, und aus der Höhe schwebt eine weiße Taube als Zeichen göttlicher Gnade auf ihn herab. Amfortas und Gurnemanz huldigen dem neuen Gralshüter; Kundry sinkt – endlich von ihrem Fluch erlöst – entseelt zu Boden.