Hauptwerke

Übersicht über die Hauptwerke von Richard Wagner, welche regelmäßig bei den Bayreuther Festspielen aufgeführt werden.
Die Meistersinger von Nürnberg
Oper in drei Akten. Uraufführung 1862 in München.

Abgesang

Ein Trugschluss in Richard Wagners «Meistersingern von Nürnberg»

von Werner Hintze

Richard Wagner sei der «Meister des ganz Kleinen» schrieb Friedrich Nietzsche in seiner Fröhlichen Wissenschaft, die man gar nicht oft genug zitieren kann. Es war wohl der Zorn auf den einst so verehrten Meister, der ihm den Blick für das Wesen der Wagnerschen Kunst geöffnet hat. Es lohnt sich, immer wieder einzelne Vorgänge aus den monumentalen Werken herauszugreifen und wie ein Juwelier seine in vielen Facetten schimmernden Edelsteine quasi mit der Lupe zu betrachten.

Im dritten Akt der Meistersinger von Nürnberg erleben wir mit, wie Hans Sachs dem Ritter Walther von Stolzing dazu verhilft, das Lied zu schaffen, mit dem er das Wettsingen und damit seine geliebte Eva gewinnen wird. Hingerissen vom melodischen Schwung des Liedes, kann der Zuschauer leicht eine Stelle überhören, die zu den anrührendsten dieser genialen Komödie gehört. Am Schluss des ersten Bars, der ersten dreigliedrigen Strophe seines Liedes, hat Walther in seinem Schaffensrausch das ekstatische Bild seiner Geliebten entworfen, die ihm die Frucht vom Baum des Lebens reicht, da geschieht musikalisch etwas Unerwartetes. Statt der das Gelingen bestätigenden Kadenz in C-Dur, die man erwartet, wendet sich die Musik nach a-Moll, leicht dissonant eingetrübt durch die hinzugefügte Sexte. Damit einher geht ein Farbwechsel in der Musik, eine sanfte aber deutliche Verdunkelung des Klangs. Ein erstaunlicher Effekt, der fast filmisch wirkt: wie ein Schnitt vom Protagonisten der Szene auf die Großaufnahme einer anderen Person. Wagner hat die Möglichkeiten der Kamera nicht zur Verfügung, aber durch seine ausgefeilte Arbeit mit den Grundthemen (für den gern benutzten Begriff «Leitmotiv» hatte er nur Hohn und Spott übrig) kann er den Blick des Zuschauers lenken. Nach einem Moment der Verunsicherung über die unerwartete harmonische Wendung erfährt der Zuhörer aus der Linie des Horns, die sich zart aus dem Klang heraushebt, was hier geschehen ist. Sachs begreift, dass es ihm gelingt, den genialen Schwung Stolzings in die richtigen Bahnen zu lenken, dass der junge Feuerkopf mit seiner Hilfe das Ziel seiner Wünsche erreichen wird, was aber auch bedeutet, dass Sachs seine Hoffnung auf Eva endgültig aufgeben muss. Er weiß sehr wohl, dass der Gedanke absurd war, und doch wird es ihm schwer, sich endgültig damit abzufinden, dass er für die letzten Jahre seines Lebens allein bleiben muss, dass für immer sein Haus leer sein wird, wenn er hinausgeht, dass nie Licht brennen wird, wenn er abends nach Hause kommt.

Aber er ist nicht der Mann, der gleich in Tränen ausbricht. Das kommt später. Jetzt kann er sich noch mit einem selbstironischen Kommentar aus der Affäre ziehen: «Das nenn’ ich mir einen Abgesang!» Mit diesem Aperçu, das ihn aus der Situation rettet, fasst er in aphoristischer Verkürzung zusammen, was hier geschehen ist: Der letzte Teil der Strophe, die Stolzing gerade geschaffen hat, heißt Abgesang. Sachs lobt also das Gelingen dieser Passage, nutzt aber gleichzeitig den Doppelsinn des Wortes aus. Es ist ein Abgesang für ihn, auf seine Hoffnung auf Glück. Und es ist ein Abgesang auf die alte Kunst der Meistersinger, die Sachs im Kreise seiner Handwerkerkollegen betrieben hat, die nun durch das Neue, das Stolzing bringt, zum alten Eisen geworfen werden wird. Aber Sachs weiß, dass es richtig so ist: Es ist richtig, dass die jungen Leute zusammenkommen, und es ist richtig, dass die Entwicklung weitergeht. Der Schusterpoet erkennt, dass der junge Feuerkopf ihm als Mann und Dichter überlegen ist und dass er deshalb nun zurücktreten muss. Das tut weh, aber weil Sachs ein wahrer Künstler ist, kann er sich an der Schönheit des «Abgesangs» freuen, der alles zu Grabe trägt, was ihm einst teuer war. 

Der Text ist urheberrechtlich geschützt, alle Recht beim Autor des Textes, Werner Hintze.

Handlung

1. Akt: Katharinenkirche in Nürnberg
Im Nürnberg der Reformationszeit hat der reiche Goldschmied Veit Pogner seine einzige Tochter Eva demjenigen zur Ehe versprochen, der bei einem Wettsingen am bevorstehenden Johannistag den Preis gewinnen würde. Nach dem Gottesdienst trifft Eva einen jungen Ritter, Walther von Stolzing, wieder, der nach Nürnberg gezogen ist. Beide hatten sich am Abend zuvor bei einem Besuch Walthers im Haus der Pogners kennengelernt und sofort Gefallen aneinander gefunden. Walther erringt in der Kirche zunächst nur Evas Aussage, dass sie zwar zu freien sei, aber ihr Herz schon längst an ihn verschenkt habe, gäbe es da nicht die Bedingung des Vaters: „ein Meistersinger muss es sein.“ Walther von Stolzing wagt sich also daran und bewirbt sich, zuvor noch instruiert vom Lehrbuben des Hans Sachs, David, während der abendlichen Sitzung der Meister in der Katharinenkirche mit einem Probegesang, um die Meistersingerwürde und damit Evas Hand zu gewinnen.

Sixtus Beckmesser, Stadtschreiber in Nürnberg, gehört der Zunft der Meistersinger an, in der er das Amt des „Merkers“ bekleidet. Er wähnte sich schon als sicherer Sieger des Wettstreits, weil er annehmen durfte, der einzige Teilnehmer zu sein. Bedenklich stimmte ihn nur die Regelung, dass Eva der Wahl zustimmen müsse. Seine Versuche, Pogner zu einer Änderung dieser Einschränkung zu bewegen, scheitern. Bedenken und Argwohn Beckmessers verstärken sich noch, als mit Walther von Stolzing ein neuer Bewerber und Konkurrent um den Meisterpreis auftritt. Die Regeln der Meistersinger erfordern, dass als erster Schritt zur Aufnahme in die Zunft ein Probegesang bestanden werden müsse. Als Merker hat Beckmesser ihn zu prüfen, und mit offenkundiger Parteilichkeit gelingt es ihm mühelos, die anwesenden Meister – ausgenommen Hans Sachs – zu überzeugen, dass der Bewerber wegen zahlreich begangener Fehler „versungen“ habe und als Mitglied und Meistersinger nicht geeignet sei. Der erste Akt endet im allgemeinen Tumult der von Beckmesser im Beharren auf strengster Regeltreue aufgewiegelten Meistersinger, wobei Walthers Lied, das er noch zu Ende zu singen versucht, dabei völlig untergeht. Der nachdenkliche Sachs aber erkennt die Intentionen Stolzings und argumentiert gegen die Vorurteile der etablierten Meister:
 
Halt, Meister! Nicht so geeilt!
Nicht jeder eure Meinung teilt. –
Des Ritters Lied und Weise,
sie fand ich neu, doch nicht verwirrt:
verließ er unsre Gleise
schritt er doch fest und unbeirrt.
Wollt ihr nach Regeln messen,
was nicht nach eurer Regeln Lauf,
der eignen Spur vergessen,
sucht davon erst die Regeln auf!
 
2. Akt: Straße in Nürnberg
Zu Beginn des zweiten Aktes, es ist Abend, genießt Sachs die laue Johannisnacht und poetisiert: Was duftet doch der Flieder, so mild, so stark und voll! Mir löst er weich die Glieder, will, dass ich was sagen soll. –

Sachs macht sich Gedanken über den Liedvortrag des Junkers, konnte das, was er hörte, einerseits nicht behalten, andererseits auch nicht vergessen und auch nicht messen, denn keine Regel wollte da passen … „und war doch kein Fehler drin. – Es klang so alt und war doch so neu!“ Er erkennt nicht nur das Neue der Liedkunst, sondern auch die Liebe zwischen Stolzing und Eva und verzichtet auf seine Ambitionen. Er findet sich zu alt, um sich mit der jungen Eva zu vermählen. Weiterhin auf „Freiers Füßen“ ist Beckmesser; er meldet seine Ambitionen auf Eva an und will ihr, die er am Fenster zu sehen glaubt – in Wahrheit hat Magdalene in Verkleidung ihren Platz eingenommen –, sein für das Wettsingen am nächsten Tag gedichtetes Lied vorsingen und sich auf seiner Laute begleiten. Doch der verliebte Stadtschreiber wird vom schusternden Sachs gestört. Sachs spielt nun den strengen „Merker“ und kommentiert die Verse und die nach den strengen alten Meisterregeln komponierte Melodie des Laute spielenden Werbers auf seine Weise, nämlich indem er mit dem Hammer auf die Schuhsohlen schlägt – eine Parallele zur Merkerszene des ersten Akts, bei der Beckmesser lautstark die Fehler Walthers auf einer Tafel mit Kreide anschrieb. Lautengezupfe, Minnegesang und Schustergeklopfe wecken die schlafenden Nachbarn und es kommt zu einer der originellsten und turbulentesten Chorszenen der Operngeschichte, der Prügelszene als großer Chorfuge, einem musikalischen „Fugato“ von äußerster Raffinesse. Als arg zerzaustes Opfer verlässt der vom eifersüchtigen David verprügelte Beckmesser am Ende des Aktes die Bühne. Im allgemeinen Tumult verhindert Sachs die Flucht Stolzings und Evas. Als der Nachtwächter auftaucht, ins Horn bläst und verkündet, dass die Glocke „Elfe“ geschlagen habe – kehrt in Nürnberg wieder Ruhe ein.

3. Akt, erste bis vierte Szene: Sachsens Schreibstube
Hans Sachs grübelt frühmorgens in seinem Lehnstuhl über den „Wahn“ der Welt (Wahnmonolog) und über die merkwürdigen Ereignisse der vergangenen Nacht. Im nächtlichen Tumult hat Hans Sachs Walther von Stolzing in sein Haus gerettet. Sachs ist von dem außergewöhnlichen Talent des jungen Ritters überzeugt, und so bringt er ihn am Morgen dazu, aus der Schilderung eines Traumes ein wahres „Meisterlied“, das auch den Regeln der Zunft standhalten würde, zu verfassen. Stolzing ist zuerst skeptisch: Wie soll aus seinem Traum ein Lied entstehen? Sachs antwortet:
 
Mein Freund! Das grad ist Dichters Werk
daß er sein Träumen deut und merk.
Glaubt mir, des Menschen wahrster Wahn
wird ihm im Traume aufgetan:
all Dichtkunst und Poeterei
ist nichts als Wahrtraumdeuterei ...

Walther erzählt, singt, daraufhin seinen Morgentraum und findet wie von selbst die poetische Form. Sachs, der mitschreibt, ist beeindruckt und vermag davon – bei aller dichterisch-musikalischen Freiheit – die allgemeine Regel abzuleiten.

Beckmesser, der Sachs kurz darauf besucht, in Not wegen seines durchgefallenen Lieds und arg lädiert von der nächtlichen Prügelei, findet den Text und wirft dem Witwer Sachs vor, heimlich selbst um Eva werben zu wollen, obwohl er das stets bestritten habe. Sachs versichert erneut, nicht als Werber auftreten zu wollen, und schenkt Beckmesser das Lied, das dieser hocherfreut einsteckt. Mit einem Lied von Sachs könne nun nichts mehr schiefgehen, meint er. Inzwischen ist Eva, ebenfalls Rat suchend, bei Sachs eingetreten. Sachs, der selbst, obwohl er nicht um sie werben wollte, für Eva eine tiefe, an Liebe grenzende Sympathie empfindet, erkennt aber rechtzeitig, dass Walther von Stolzing der einzig Richtige und Eva für diesen die rechte Braut sei und entsagt selbst. Walther trägt Sachs und Eva spontan eine weitere Strophe seines neu gedichteten Meisterliedes vor, Sachs spricht einen symbolischen Taufspruch darauf und nennt es Walthers „Selige Morgentraum-Deutweise“. Darauf erklingt in einem kontemplativen Moment, einem Sich-Besinnen, gleichsam Innehalten der Handlung, bevor es auf die Festwiese geht, ein Quintett von Sachs, Eva, Walther, dem frisch zum Gesellen geschlagenen David und dessen Braut Magdalene. Sie preisen jeweils aus ihrer Sicht das Glück der Stunde. Eva singt: „Selig, wie die Sonne meines Glückes lacht …“.

3. Akt, fünfte Szene: ein freier Wiesenplan vor der Stadt Nürnberg
Eine musikalische Verwandlung führt von der Schusterstube zur Festwiese, auf der das Volk schon versammelt ist und den feierlichen Einzug der Meistersinger erwartet. Sachs wird hymnisch mit einem Choral begrüßt, dem berühmten: Wach auf, es nahet gen den Tag …

Darauf beginnt der Wettgesang des Johannisfests. Beckmesser stimmt das ihm von Sachs geschenkte Lied an, scheitert indes kläglich beim Vortrag, weil die Schrift für ihn schlecht leserlich ist und er den Text deshalb fehlerhaft entstellt und zudem zu seiner eigenen unpassenden Melodie zu singen versucht. Wütend wirft er das Blatt zu Boden, erklärt der verwunderten Menge, das Lied sei gar nicht von ihm, Sachs habe ihm absichtsvoll ein schlechtes Lied aufgedrängt, und verlässt verlacht und gedemütigt die Bühne. Sachs erklärt, das Lied sei nicht von ihm, und ruft Walther von Stolzing als Zeugen auf, der durch richtigen Vortrag beweisen soll, dass er der Dichter des Liedes sei. Stolzing trägt sein Lied vor (Morgenlich leuchtend im rosigen Schein …) und überzeugt vollständig, auch alle anwesenden Meister, die ihn am Vorabend noch kritisiert hatten. Die Meister erklären feierlich seine Aufnahme in die Meistersingergilde, Walther aber lehnt dies zunächst ab – „will ohne Meister selig sein!“. Sachs belehrt Walther, doch die Tradition, in der auch er selbst steht, nicht zu vergessen und ermahnt ihn: „Verachtet mir die Meister nicht, und ehrt mir ihre Kunst!“ Er versöhnt die Gegensätze und beschließt seine Ansprache mit einer eindringlichen Warnung:

was deutsch und echt, wüßt Keiner mehr,
lebt’s nicht in deutscher Meister Ehr.
Drum sag ich Euch:
ehrt Eure deutschen Meister!
Dann bannt ihr gute Geister;
und gebt ihr ihrem Wirken Gunst,
zerging in Dunst
das heil’ge röm’sche Reich,
uns bliebe gleich
die heil’ge deutsche Kunst!

Alle Mitwirkenden auf der Bühne: das Volk, die Meister und auch Stolzing, der nun die Meisterehre annimmt, stimmen Sachs euphorisch zu: „Heil! Sachs! Nürnbergs teurem Sachs!“