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05.04.2019
Bayreuth - oben ohne
Frühlingsreise des RWV Frankfurt in die festspielfreie Festspielstadt
Spannende Einblicke in die Welt auf dem "Grünen Hügel", in Baukunst, Lebensart, Musikgeschichte und Klavierbau, Begegnungen mit einflussreichen Stadtpersönlichkeiten sowie als Sahnehäubchen Überraschungskonzerte mit zwei mitgereisten Pianisten an historischen Flügeln von Wagner und Liszt - das waren herausragende Elemente einer viertägigen Frühlingsreise des RWV Frankfurt unter dem Motto "Bayreuth außerhalb der Festspiele".

Gleich am ersten Abend konnten sich die 21 Teilnehmer über prominenten Besuch freuen. Katharina Wagner, gerade zurück aus Tokio, wo ihr "Holländer für Kinder" begeistert aufgenommen worden war, traf zum Gedankenaustausch mit den Besuchern aus Frankfurt beim Sektempfang zusammen. Wir erlebten eine selbstbewusste Festspielchefin, die für ihre Aufgabe brennt und durch internationale Aktivitäten ihr Haus für die Zukunft fit machen und neues Publikum gewinnen will. Auch Holger von Berg, geschäftsführender Leiter der Festspiele, ließ es sich nicht nehmen, zu späterer Stunde vorbeizuschauen.

Am nächsten Tag auf dem Hügel informierte Pressechef Peter Emmerich über die Entstehungsgeschichte des Festspielhauses, das in nur drei Jahren Bauzeit errichtet worden ist. Bei dessen Konzeption hat Richard Wagner offenbar auch den Rat von Gottfried Semper genutzt; der Einbau der Scherwände im Zuschauerraum beispielsweise geht auf eine Anregung des berühmten Baumeisters zurück. Der Bayreuther Mischklang basiert auf einer Kombination aus diesen Schwerwänden, dem "System Geigenkasten" des Innenraums - Boden, Decke und Wände sind aus Holz - sowie des Schalldeckels über dem Orchestergraben. Wobei der Raum, so erklärte jedenfalls der Technische Direktor Christoph Bauch, nach heutigem akustischem Wissen so gar nicht funktionieren dürfte. Aber: er klingt glücklicherweise so. 

Die Bauweise mit abgedecktem Orchestergraben bringt es mit sich, dass der Dirigent der einzige ist, der "nicht die Wahrheit hört", wie es Bauch formulierte, also den Klang, der beim Publikum ankommt. Dazu ist er auf die Rückmeldungen seiner Assistenten angewiesen. Für den Chor werden bis zu zwei Subdirigenten benötigt, die früher über ein sogenanntes "Taktometer" den Gleichklang herstellten; heute geschieht das über Monitore. 

Nach dem Besuch des Orchestergrabens, in dessen 140 qm sich bis zu 110 Musiker mit ihren Instrumenten drängeln müssen, konnten wir unter der Verpflichtung strengster Geheimhaltung auch den Bühnenraum betreten; dort laufen bereits die Vorbereitungen für die Tannhäuser-Premiere. Der zwanzig Meter tiefe Raum ist mit einer leichten Schräge ausgestattet - gut für die Zuschauer, eine Herausforderung für die Bühnentechnik, wenn Elemente gedreht werden müssen. Rund 300 Mitarbeiter sind ständig auf dem Hügel beschäftigt; während der Festspiele steigt ihre Zahl auf 800. Bei jeder Vorstellung sind bis zu 600 Kräfte im Einsatz, praktisch rund um die Uhr. Der Abbau des Bühnenbilds nach der Vorstellung zieht sich bis nach Mitternacht hin, schon in den frühen Morgenstunden beginnt der Aufbau für das nächste Stück - da sind organisatorische Glanzleistungen gefragt. 

Die Generalsanierung des Festspielhauses soll bis zum Jubiläumsjahr 2026 abgeschlossen sein, erläuterte Holger von Berg. Die Fassade erstrahlt inzwischen rundum in neuem Glanz. Nun werden die Innensanierung und Erweiterungsbauten - die wegen des Denkmalschutzes komplett unter die Erde verlegt werden - in Angriff genommen. Eine Klimaanlage ist nicht vorgesehen; aber die Lüftung soll optimiert werden.

Der Nachmittag gehörte dem Richard Wagner Museum. Es besteht aus Haus Wahnfried mit den restaurierten Wohnräumen, die eine Ausstellung persönlicher Gegenstände der Wagner-Familie zeigt. Zudem kann man im "Allerheiligsten" des zum Teil unterirdischen Neubaus Originalpartituren bewundern und die komplette Dirigentengalerie, Modelle von Inszenierungen, Kostüme und vieles mehr besichtigen. In einer vom Frankfurter Museums- und Opernorchester eingespielten digitalen Partitur ist zudem eine musikalische Wanderung durch die verschiedenen Orchestergruppen in Wagners Musikdramen möglich ? ebenfalls ein einmaliges Klangerlebnis. Auch das Wohnhaus von Siegfried und Winifred Wagner, das, anders als Wahnfried, den Krieg unbeschadet überstanden hatte, ist für Besucher geöffnet. 

Auf die Reisenden aus Frankfurt wartete zum Abschluss dieses Besuchs etwas ganz Besonderes: Im großen Salon von Wahnfried hatten sich Anna Stepanova, Pianistin und Stipendiatin des Jahres 2018, und ihr Ehemann, der brillante chinesische Pianist Xi Zhai, festlich gekleidet zum Privatkonzert am Flügel des Meisters (einem Geschenk der Firma Steinway aus dem Jahre 1876) eingefunden. Mit "Waldesrauschen" von Franz Liszt, der Dante-Sonate und ?Holländer?-Impressionen zu vier Händen begeisterten sie ihre Zuhörer. 

Nächste Station war das Deutsche Freimaurer-Museum am Hofgarten, nur ein paar Schritte von Wahnfried entfernt. Auf dem Weg dorthin führte ein kleiner Schlenker zum Grab von Richard und Cosima Wagner. Schon am Anreisetag hatten wir den Bayreuther Stadtfriedhof mit den Gräbern berühmter Künstler besucht: Das Familiengrab der Wagners unter der alten Stieleiche, das Mausoleum von Franz Liszt, die Gräber von Jean Paul, der Dirigenten Hans Richter und Karl Klindworth sowie die Grabkapellen von Eduard Steingraeber und des Herzogs Alexander von Württemberg. Den Friedhofseingang ziert schließlich eine Gedenktafel für Maria Anna Thekla Mozart, das "Bäsle" aus Augsburg.

Zurück in den Hofgarten. Das Freimaurertum fasste Mitte des 18. Jahrhunderts in Deutschland Fuß; in Bayreuth gründete Markgraf Friedrich, angeregt durch seinen Schwager Friedrich den Großen, 1741 eine erste Loge; weitere folgten. Anfang des letzten Jahrhunderts wurde das Freimaurermuseum eingerichtet. Nach 1933 aufgelöst, sind die originalen Sammlungen allesamt verschollen; in den 50er Jahren begann der Neuaufbau. Was passiert in den Logen? ?Die Steinmetze als Begründer des Freimaurertums haben Kathedralen gebaut; die heutigen Freimaurer wollen Kathedralen der Humanität bauen?, erklärt Museumsdirektor Thad Peterson. 

Im Sinne der Aufklärung fühlten sie sich der Vernunft, der Liberalität und dem Gemeinwohl verpflichtet. Noch heute fußt die Symbolik der Freimaurer auf dem Handwerkszeug der frühen Baumeister. In diese Welt einzutauchen und ihre Rituale zu deuten, erfordert sicherlich mehr Zeit, als ein kurzer Rundgang durch das Museum bietet.

Markgraf Friedrich, vor allem aber seine musik- und theaterbegeisterte Gattin Wilhelmine, bestimmten das Programm des nächsten Tages. Überwältigende barocke Pracht erwartete uns im Markgräflichen Opernhaus, das nach umfangreicher Renovierung im vergangenen Jahr wieder eröffnet wurde. Auch wenn wir keine der jährlich erlaubten 30 Vorstellungen besuchen konnten, vermittelte uns eine pfiffige Videopräsentation einen Eindruck von den Möglichkeiten, die die selbst als Intendantin, Komponistin und Autorin tätige Markgräfin sich hier geschaffen hatte. Sehenswert auch das Neue Schloss, das sie maßgeblich mitgestaltet hat. 

Zwischen diesen beiden Besichtigungen machten die Wagner-Freunde einen Abstecher in die Prachtstraße des barocken Bayreuth, die Friedrichstraße. Mitte des 19. Jahrhunderts kaufte sich dort der Klavierbauer Eduard Steingraeber ein Kammerherrnpalais, in dem er seine heute weltberühmte "Hof-Piano-Forte-Fabrik" ansiedelte. Bei einer Führung lernten wir die langwierigen, vielfältigen und anspruchsvollen Prozesse kennen, die für den Bau eines hervorragenden Konzertflügels erforderlich sind. Wir erfuhren, wie das Instrument für verschiedene Einsatzbereiche, Nutzungsformen oder Klimazonen optimiert und schließlich von einer Einspielmaschine bis zu 100 Stunden lang traktiert wird, damit am Ende alles stimmt. Man kann sich bei Steingraeber auch die verschiedenen Versionen der seit 1882 dort gebauten Gralsglocken anschauen und selbst anschlagen sowie Tasteninstrumente aus zwei Jahrhunderten besichtigen. Dank Anna Stepanova konnten wir sie aber auch anhören. Sie spielte sich zum Vergnügen ihrer Mitreisenden (und auch zu ihrem eigenen) von einem ziemlich schwergängigen Tafelklavier von 1820 über das Opus 1 Eduard Steingraebers aus dem Jahr 1851 und den cremefarbenen Flügel, den Franz Liszt benutzte, zu einem aktuellen Konzertflügel erster Klasse durch. Letzterer steht im Kammermusiksaal und darauf beeindruckte sie mit einem Nocturne von Chopin, Auszügen aus dem Tannhäuser und der Klavierfassung von Isoldes Liebestod erneut mit ihrer Virtuosität und Empfindsamkeit.

Hatten wir am Abend zuvor die charmante Bayreuther Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe auch als Repräsentantin der Richard Wagner-Stipendienstiftung und der Richard Wagner-Stiftung in Begleitung ihres Mannes zu Gast, so trafen zum Essen am letzten Abend RWVI-Präsident Horst Eggers und sein Vize, der Bayreuther RWV-Vorsitzende Nicolaus Richter mit Gattin zu einem lebhaften Erfahrungsaustausch mit uns zusammen. 

Auf der Heimfahrt gab es im nahegelegenen Kulmbach noch einen Abstecher auf die Plassenburg, eine imposante Renaissancefeste. Militär gibt es dort nicht mehr, stattdessen drei Millionen Zinnfiguren, zum Teil in zimmergroßen Dioramen, die das Zeitgeschehen vergangener Jahrhunderte nachstellen. Bleibt nur noch zu erwähnen, dass die gesamte Reise von sonnenreichem Frühlingswetter gekrönt wurde; wenn Wagner-Fans reisen.... Zur Nachahmung sei "Bayreuth außerhalb der Festspiele" also wärmstens empfohlen. 

Text: Hannelore Schmid